Lord Of The Disc

Lesen Sie in dieser packenden, epischen Geschichte wie scheinbar für immer verlorene Daten doch noch aus den Klauen des unsagbar Bösen gerettet werden konnten!

Ich gebe zu, dass diese Zusammenfassung unter Umständen etwas übertrieben ist und sicher nicht ganz zu dem folgenden Artikel passt – sollten Sie aber auch ohne die Aussicht auf epische Abenteuer an einem Artikel über DVD-Datenrettung haben, lesen Sie weiter …

Neben dem Installieren von Sicherheitsupdates gehört ein Backup der eigenen Daten heute eigentlich zu den “Pflichten” jedes Computerbenutzers. Wie es allerdings um die Qualität der gesicherten Daten steht, wissen die wenigsten.

Das Problem

Ich habe Daten teilweise auf beschreibbaren DVDs gesichert – diese Medien sollen bei richtiger Lagerung angeblich eine ganz brauchbare Lebensdauer haben. Als ich dann kürzlich Daten von einer mehreren Jahre alten DVD-R lesen wollte, erlebte ich eine böse Überraschung – schon nach einigen Dateien waren Daten plötzlich nicht mehr lesbar. Das DVD-Laufwerk versuchte verzweifelt, sinnvolle Informationen zu lesen, scheiterte allerdings kläglich. Es war so schlimm, dass sogar das Betriebssystem nicht mehr reagiert – hier schiebe ich die Schuld aber nicht der DVD sondern Microsoft zu – es sollte doch möglich sein, ein Betriebssystem so zu programmieren, dass es sich von fehlgeschlagenen Leseversuchen nicht an den Rand des virtuellen Kollaps bringen lässt.

Nach der bösen folgte die bitterböse Überraschung. Diese DVD war kein Einzelfall – es schien alle Backup-DVDs zu betreffen – manche schlimmer, manche weniger schlimm – aber alle hatten Ausfälle und Aussetzer. Die üblichen Verdächten wie Fingerabdrücke und Kratzer liessen sich durch einen Blick auf die Unterseite der Datenträger schnell ausschliessen. Das Laufwerk war auch nicht über Nacht kaputt geworden, da andere DVDs (Installations-DVDs, Filme, …) immer noch problemlos funktionierten. Blieb wohl nur noch ein Materialfehler, sprich Alterung, als mögliche Ursache übrig – und dagegen konnte ich wohl schlecht etwas unternehmen. Ich musste mich wohl oder übel mit dem Verlust der Daten abfinden.

Das Rätsel

Das dachte ich mir zumindest, bis ich eine DVD, die ich ziemlich zu Beginn meiner “Versuchsreihe” verwendet hatte, erneut ausprobierte. Das Laufwerk konnte Daten lesen, auf die es zuerst keinen Zugriff hatte. Kurz danach kam es wieder zu Fehlern – aber es konnten eindeutig mehr Dateien gelesen werden als beim ersten Versuch. Das konnte ich mit meiner bisherigen Theorie nicht erklären – wären die Daten wirklich aufgrund chemischer Vorgänge im Trägermaterial vernichtet, würden sie wohl kaum fünfzehn Minuten später wieder lesbar sein. Als ich mir die auf den Tisch liegende DVD genauer ansah, entdeckte ich etwas Ungewöhnliches – sie lag nicht plan auf, sondern war “verbogen” – die Ränder waren um Millimeterbruchteile nach oben gezogen – konnte das der Grund sein?

Eine Überprüfung der anderen DVDs bestätigte meine Vermutung – alle problematischen DVDs waren mehr oder weniger gewölbt – bei den funktionierenden DVDs war hingegen nichts dergleichen zu beobachten. Diese Wölbung erklärte, warum die Daten unlesbar waren:
ein Laufwerk muss beim Lesevorgang sehr genau vorgehen, der Abstand zwischen dem Lesekopf und dem Datenträger muss genau stimmen – wenn dieser Abstand aber nur im Zentrum der DVD stimmt und sich gegen den Rand hin langsam ändert (weil sich die DVD eben nach oben wölbt), kann man zwar die Daten im Zentrum lesen, aber je weiter am Rand die Daten liegen, desto mehr Fehler wird es geben – bis zur totalen Unlesbarkeit. Blieb nur noch die Sache mit der DVD, von der plötzlich mehr Daten gelesen werden konnten als beim ersten Versuch.

Die Lösung

Die alles entscheidenden Faktoren waren der 19° kühle Raum, in dem die DVD nach dem ersten Versuch für fünfzehn Minuten gelegen hatte, und die Tatsache, dass alle DVDs bedruckt waren. Im Laufwerk erwärmt sich sich eine DVD – und wenn sich Stoffe erwärmen, dehnen Sie sich in der Regel aus. Besteht ein Objekt aus Materialien, die sich unterschiedlich stark ausdehen, verformt sich das Objekt – und genau das passierte scheinbar bei den DVDs. Die dicke Kunststoffschicht an der Unterseite dehnte sich beim Lesen offenbar etwas stärker aus als die bedruckbare Schicht an der Oberseite, was zu der beobachteten Wölbung führte. Die Lagerung in dem kühlen Zimmer reichte scheinbar, um beim zweiten Versuch etwas mehr Daten lesen zu können, bevor sich die DVD zuviel verbogen hatte. Wenn ein kühles Zimmer reichte, um Daten lesbar zu machen, müsste ein Kühlschrank eigentlich den selben Effekt erzielen, oder? Und tatsächlich – drei Minuten im Kühlschrank waren genug, um mehr Daten lesbar zu machen.

Um garantiert alle Daten von den DVDs zu bekommen, habe ich das Programm h2cdimage verwendet, das Harald Bögeholz vor einigen Jahren für das Computermagazin c´t geschrieben hat. Es erzeugt eine 1:1 Kopie (ISO-Image) einer CD oder DVD – kann ein Teil eines Mediums nicht gelesen werden, bricht das Programm nicht ab oder gibt eine Fehlermeldung aus, sondern versucht sein Glück an einer anderen Stelle. Hat das Programm alles durchprobiert, versucht es die fehlerhaften Teile erneut zu lesen – solange, bis das Auslesen gelingt oder der Benutzer die ganze Aktion abbricht. Mit dieser Methode bekommen Sie alle irgendwie lesbaren Daten von einer DVD. Das erzeugte Image kann dann entweder neu gebrannt werden, oder mit Tools wie Nero ImageDrive oder ISODisk geöffnet werden, um einzelne Dateien wiederherzustellen. Eine Leseprobe eines Artikels zur Datenrettung von CDs/DVDs – inklusive detailierter Beschreibung von h2cdimage finden Sie bei heise online.

Ich habe also die jeweilige DVD in den Kühlschrank gepackt, gewartet, bis sie richtig abgekühlt war, habe sie rausgenommen, gewartet bis sie nicht mehr angelaufen war, in das Laufwerk getan und h2cdimage gestartet – das Programm hat dann immer ab der Position begonnen, an der es das letzte Mal keine Daten mehr lesen konnte und hat so in der Regel 5-10% mehr lesen können, bevor die DVD wieder zu warm und zu verbogen war. Mit viel Geduld habe ich es schliesslich geschafft, alle Daten von den DVDs auf eine Festplatte zu überspielen. Von hier aus werde ich wohl ein neues Backup erstellen – aber garantiert nicht mehr auf bedruckbaren Rohlingen

… und was wir daraus gelernt haben

  1. Kontrollieren Sie Ihre Backups.
    Die beste Sicherungsstrategie hilft nichts, wenn Sie im Ernstfall entdecken, dass Ihre Sicherheitskopien unbrauchbar sind. Überprüfen lässt sich das z.B. indem Sie die gesicherten Daten einmal auf Ihre Festplatte kopieren – wenn keine Fehlermeldungen auftauchen, waren die Daten offensichtlich lesbar.
  2. Meiden Sie bedruckbare DVD-Rohlinge.
    Drucken Sie lieber ein Cover für die DVD-Hülle oder verwenden Sie Techniken wie Lightscribe oder Labelflash – dabei brennt der DVD-Writer die Beschriftung direkt auf den Rohling – eine extra Beschriftungsschicht ist nicht notwendig.
  3. Etikettieren Sie Ihre DVDs nicht.
    Klebeetiketten verursachen ähnliche Probleme wie bedruckte Rohlinge und können ausserdem noch dazu führen, dass sich der Schwerpunkt der DVD ändert, wenn sie nicht genau zentriert aufgeklebt werden. Im schlimmsten Fall werden dadurch DVD und Laufwerk beschädigt.
  4. Beschriften Sie DVDs nur mit dafür vorgesehenen Stiften.
    Kugelschreiber können die Oberfläche zerkratzen und andere Stifte enthalten eventuell Stoffe, die mit der DVD chemisch reagieren und so die Daten unbrauchbar machen. Um ganz sicher zu können, beschriften Sie die DVDs nur auf dem inneren Ring, dort werden keine Daten gespeichert.
  5. Achten Sie auf die Lagerung Ihrer Datenträger.
    Datenträger und Elektronik generell mögen keine Extreme. Lagern Sie Backups am besten an einem kühlen, dunklen Ort mit maximal 50% Luftfeuchtigkeit. Der Balkon, eine Sauna, das Backrohr oder die Mikrowelle wären dagegen ziemlich schlechte Orte für eine Lagerung und würden sich eher zur Datenvernichtung als zur Aufbewahrung eignen.
1 reply
  1. Julian says:

    Danke für den Tipp mit dem CD bzw DVD Label Druck! Bisher habe ich nach dem Kopieren das Cover der Datenträger zwar immer ordentlich bedruckt, dann aber sorglos in der Ecke meines Schreibtisches gesammelt und mich dann nach ein paar Monaten gewundert, weshalb diese nicht mehr funktionieren. Ich werd deine Tips befolgen und hoffen das ich nicht unnötige weitere CD und DVD brennen muss.
    DANKE und viele Grüsse!

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